Veröffentlicht am Sa., 27. Nov. 2021 22:16 Uhr

[VORSICHT! SATIRE!]

Von himmlischen Heerscharen, jubelnden Engelchören und fliegenden Babys, oder: auf der redaktionellen Suche nach einem geeigneten Weihnachtsjubel-Titelbild

Das Titelbild für die 200. Ausgabe unseres Gemeindebriefs steht an – zufälligerweise genau in der Weihnachtszeit. Was liegt da näher, als daran zu denken, die Jubiläumsausgabe mit einem Weihnachtsjubel-Titelbild auszustatten?

Im Lukasevangelium heißt es: Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Und das bekannte Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“ spricht von: „Hoch droben schwebt jubelnd der Engelein Chor.“

Da müsste sich doch sicher etwas finden lassen. Nun denn, ans Werk!

Aber: mit dem Weihnachtsjubel ist das so eine Sache. In unseren eigenen Bildschätzen und -archiven lassen sich keine geeigneten Bilder hierzu finden. Also heißt es, wieder einmal bei pinterest, pexels, pixabay oder wikimedia commons nachzusehen, ob sich dort Bilderschätze finden, die ein passendes Jubelmotiv für unseren Gebrauch gemeinfrei anbieten.

Dort lassen sich nun insgesamt große Mengen an Engelbildern finden – zumeist als Püppchen, Puttchen oder sonstige Deko-Figuren, wahlweise auch zum Anhängen am Weihnachtsbaum. Vereinzelt gibt es auch Bilder von Kindern und Frauen, als Engel verkleidet, von denen jedoch die allermeisten nicht jubeln und vielfach auch keine andere Art von Freude ausstrahlen. Stattdessen können wir weinende oder einsam daherblickende Engel entdecken oder Albereien wie Engel mit einem Hirschgeweih.

Und irgendwie scheinen die Bildagenturen ‒ und auch so mancher Maler in vergangenen Zeiten ‒ das mit den „himmlischen Heerscharen“ falsch verstanden zu haben. Zwar ist mir einmal tatsächlich ein himmlisches Heer virtuell über den Weg gelaufen, das aus voll bewaffneten Soldaten bestand, die man, um sie als Engel identifizieren zu können, hinten zusätzlich mit kleinen Flügeln ausgestattet hatte ‒ ist aber für Weihnachten wohl eher doch nicht geeignet. Im übrigen scheinen die Maler und Fotografen alle in ihrer Schulzeit im Fach Mathematik bei der Mengenlehre aufgepasst und dabei gelernt zu haben, dass auch die Menge „{1}“ oder die leere Menge „{}“ Mengen sind. So finden sich im Internet, sieht man von Püppchen- und Puttchenchören mit starren Gesichtern – meistens zum „o“ geformt ‒ ab, singende Engel in den allermeisten Fällen in der Einzahl. Auch haben die himmlischen Heerscharen bei einigen Weihnachtskrippen nur eine einzelne Stellvertreterin in Bethlehems Stall entsandt, die am Dachgiebel angeheftet ist. Ansonsten schwebt da droben als Engelein-Chor nur eine leere Menge.

Auch scheint bei der Verkündigung der Weihnachtsbotschaft an die Hirten auf dem Felde die Menge der himmlischen Heerscharen in den Darstellungen der Maler offenbar nur zu hören und nicht zu sehen gewesen zu sein; zumindest sieht man auf den Bildern häufig keine. Und wenn dann doch, dann umflattert den Verkündigungsengel gerade einmal eine dreiköpfige Engelschar. Schließlich gibt es aber noch eine dritte Gruppe von Verkündigungsbildern, die mehr Engel aufweisen. Aber was für Engel! Was da schwebt, ist eine mehr oder minder große Anzahl an fliegenden Babys, wahlweise nackt oder mit Windeln bekleidet und zumeist von Rubens beeinflusst. Diese himmlischen Heerscharen müssen auf die Hirten auf dem Felde wahrlich furchteinflößend gewirkt haben! Und ob diese Babys auch in der Lage waren, ein „Ehre sei Gott in der Höhe!“ zu singen, wage ich zu bezweifeln.

Also suchen wir lieber nach anderen Möglichkeiten. Wir könnten ja auch Bilder von irdischen Engelchören nehmen (Gemeinfreiheit und Zustimmung der Abgebildeten vorausgesetzt!). Nun ja: Chöre sind auf Bildern vielfach festlich gekleidet, aber doch häufiger in schwarz als in weiß. Und sie singen – und das ist ihnen ja auch nicht vorzuwerfen – zumeist konzentriert mit Blick auf Dirigent/Dirigentin oder in die Noten, und zumeist in Kirchen oder Konzertsälen. Aber da: Da ist ja tatsächlich ein Bild von einem jubelnden Engelchor (ein weiß gekleideter Kinderchor nach einer Weihnachtsaufführung), dessen Mitglieder jubeln! Nur: Die Seite ist nicht gemeinfrei, das Foto befindet sich auf der Website einer nordbayrischen Kirchengemeinde

Und nun?

Unsere Grafikerin hat uns vorgeschlagen, doch ein Jubelfoto von uns selbst anzufertigen – eigentlich eine ganz gute Idee, nur: Jubeln auf Kommando? Das erinnert mich irgendwie an „Schweinchen Dick“ und seine wiederkehrenden Drohungen am Ende seiner Sendungen „Und immer schön fröhlich bleiben!“ Aber dies bringt mich letztlich auf eine Idee: Die Beatles haben in den 1960er Jahren ein „White Album“ herausgebracht mit einer weißen Fläche als Albumcover. Das können wir doch auch!

Also: „Liebe Leserinnen und Leser!

Wir haben für diese Ausgabe leider kein passendes Jubelfoto gefunden. Aber wir schätzen Ihre Kreativität und möchten Ihnen daher eine Gelegenheit anbieten, Ihre Talente im Kreativen Malen am Gemeindebrief auszuprobieren. Malen Sie uns einen jubelnden Engelchor, eine Menge der himmlischen Heerscharen oder ein anderes Motiv des Weihnachtsjubels auf die Titelseite Ihres Gemeindebriefs! Die besten Bilder präsentieren wir Ihnen zu Weihnachten 2022, und das schönste Motiv nehmen wir auf die Titelseite! Versprochen!“

Christian Gahlbeck, Redaktion des Gemeindebriefes der Kirchengemeinde Waidmannslust


Anmerkung der Homepage-Redaktion (agw): Beim Lesen dieses vergnüglichen Textes fand ich ein von mir aufgenommenes Foto einer Krippenszene in der Stadtkirche Miltenberg, zu sehen hier als Titelbild.

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